Gemeinsame Veranstaltung zum Jahresmotto der Gartengesellschaft „Sag mir, wo die Blumen sind - Von dem Verschwinden der Blumen in den Gärten“ mit der DGGL - Landesverband Hamburg / Schleswig-Holstein in der Freien Akademie der Künste am 27. April 2017. Ein Bericht von Karina Beuck.

Gut fünfzig Besucher hatten sich zum Thema „Sag mir wo die Blumen sind“ in der Freien Akademie der Künste versammelt und damit passenderweise in der ehemaligen Pflanzenverkaufshalle. Nach einer kurzen Einführung in das Thema durch Detlev Brinkschulte erwartete die anwesenden Mitglieder der „Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur“ und der DGGL ein launiger Vortrag von Torkild Hinrichsen, dem ehemaligen Leiter des Altonaer Museums und damit auch des Rieckhauses, das bis vor einigen Jahren dem Museum angegliedert war. Er ist ein vor 20 Jahren „Zugezogener“ in den Vierlanden und kennt sich mit dessen Geschichte bestens aus.

Die Vierlande bestehen aus vier Kirchspielen, ursprünglichen Inseln, die von Bergedorf aus eingedeicht wurden. Ehemals gab es dort nur den Niedersächsischen Hallenhaustyp, also die typischen reetgedeckten Bauernhäuser. Die Hofflächen waren riesig, der Rieckhof zum Beispiel hatte 40 ha, und wurden mit Hilfe von

Wanderarbeitern und natürlich Pferden bewirtschaftet („Hinten pflügten sie noch, während sie vorn schon ernteten“). Die Breite der Flurstücke ergab sich aus den Be- und Entwässerungsgräben, die so angelegt waren, dass die 10-12 Meter dazwischen „von  Hand“ bewässert werden konnten.

Zu jeder Gelegenheit und Jahreszeit waren damals bestimmte Blumen „angesagt“. In den Vierlanden war man der Zeit immer möglichst weit voraus und hatte damit in Hamburg einen guten Absatzmarkt. Man hatte guten Boden und genügend Wasser, später auch Treibhäuser. Vor 10 Jahren gab es noch 500 Produzenten, inzwischen nur noch die Hälfte und der Rückgang geht weiter. Woher kommt dieser Trend und was kann man dagegen tun? Wer das in einer Großstadt wie Hamburg für ein unwichtiges Thema hält muss wissen, dass es in Hamburg insgesamt noch 650 landwirtschaftliche Betriebe und Gartenbaubetriebe gibt und 25%, also ein Viertel des Stadtgebietes von diesen bewirtschaftet wird.

Laut Hinrichsen haben die herkömmlichen Gewächshäuser keine Chance mehr. Die neuen sind vollautomatisiert und beschränken sich auf wenige Sorten. Die Händler verdienen den Großteil des Geldes. Früher erhielten die Gärtner ein Drittel des Geldes, heute sind es Cent-Beträge pro Pflanze. Außerdem werden nur noch wenige Pflanzen selbst erzeugt, die Keimlinge werden überwiegend in den Niederlanden gekauft. Erschwerend komme hinzu, sagt er, dass auch heute noch die Gemeinden, teilweise sogar die einzelnen Landwirte, untereinander zerstritten seien. Auch die gemeinsame Kultur (Trachten) werde nur noch von wenigen Vereinen hochgehalten.

Es folgt eine Diskussion mit den Zuhörern über dieses Thema. Auf dem Podium sitzen die geladenen Diskussionsteilnehmer Torkild Hinrichsen, Claus Bengtsson, seit 30 Jahren für den Blumengroßmarkt und die genossenschaftliche Marktgemeinschaft tätig, Andreas Kröger, Landwirtschaftskammerpräsident und Vizepräsident des Gartenbauverbandes Nord e.V., Silke Lucas von der „Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e.V.“ und tätig für die Umweltbehörde, außerdem Georg Eggers. Sein denkmalgeschützter Hof ist seit vierhundert Jahren in der Familie. Er hat ihn gerade an seinen Neffen übergeben, engagiert sich jetzt noch stark im „Grünen Zirkel“, der die Vier- und Marschlande als Biosphärengebiet nach vorn bringen will. Er hält sie als „grünen Schatz“ für die Stadt für unbedingt erhaltenswert.

Über eines sind sich die Teilnehmer einig: Der Schwund der Betriebe ist enorm. 10-15 Betriebe müssten jährlich aufgeben, berichtet Andreas Kröger. Das läge an steigenden Kosten und stagnierenden Einnahmen. Viele Betriebe fänden auch einfach keine Nachfolger mehr.   Jährlich gehen allein für Ausgleichsmaßnahmen der Stadt 500 ha Fläche verloren, unter anderem für den Bau der Autobahn A26. Auch als Baugebiet nimmt die landwirtschaftliche Fläche an Beliebtheit zu. Kröger sieht nach einer gewissen „Gesundschrumpfung“ auf ca. 150 Betriebe jedoch eine Zukunft für die regionalen Produzenten. Er betreibt selbst eine Zierpflanzengärtnerei. „Die heutige Generation arbeitet zusammen und teilt sich die Produktion auf“. Klaus Bengtsson verweist auf Erzeugerzusammenschlüsse wie „Vierländer Frische“ und „Ich bin von hier“. Deren Produkte werden in mehr als 1.000 Blumengeschäften angeboten. 

Silke Lucas sieht das alles nicht so positiv. Sie beklagt den Verlust der Kulturlandschaft. Es werden neue Gewächshäuser bis zu 5ha Größe beantragt, z.B. um Krustentiere zu züchten. Das passe aber nicht in die Landschaft, findet sie. Allerdings ist auch sie der Meinung, dass die Bevölkerung sich mehr engagieren müsse: „Kaufen Sie regionale Produkte und machen Sie Touren in die Hofcafes“, fordert sie.

Unterstützt wird sie dabei von Georg Eggers. Dieser hat für seinen  ehemals konventionell arbeitenden Betrieb vor 25 Jahren keine Zukunft mehr gesehen. Er hat damals, unterstützt von der Politik, auf ökologischen Landbau umgestellt. Außerdem hat er den Hof mit Hilfe von einem ehrenamtlichen „Freundeskreis“ für Denkmalinteressierte und Schulklassen geöffnet. Inzwischen gibt es dort auch einen Hofladen, in dem Eigenerzeugnisse vermarktet werden, Ferienwohnungen und ein Hofcafe. Die Gärtnerei Sannmann hat, neben Parzellen auf dem eigenen Gärtnereibetrieb, 150 Parzellen bei Eggers für städtische Eigenanbauer. Urban Gardening ist in.

Gabriele Schabbel-Mader, Präsidentin der „Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur“ fordert mehr Öffentlichkeitsarbeit. Man müsse den Menschen die Sache „mundgerechter“ machen, sagt sie. Die Verkäufer müssten an die Leute stärker heran gehen.

Andreas Kröger betont, dass bereits Veranstaltungen dazu statt finden. Es wurde eine neue Marketingberaterin eingestellt, neue Marketingstrategien würden entwickelt. Im Herbst 2017 findet die Zukunftswerkstatt Vier- und Marschlande statt. In den nächsten zehn Jahren sollen Areale für Produktion, Industrie, Wohnen und Landschaftsschutz gesichert werden, um eine weitere willkürliche Zerstückelung des Gebietes zu verhindern. Aber auch er fordert eine Veränderung in der Gesellschaft. 1950 ernährte ein Landwirt 10 Menschen, heute sind es 140 Menschen. 20 Betriebe produzieren 3 Mio. Töpfe. Dem müsse Rechnung getragen werden, meint er. Um effizient für diese Anforderungen zu sein müssen moderne Gewächshäuser und Maschinen genutzt werden um die arbeitenden Menschen zu schonen. Und das Bewusssein der Verbraucher müsse sich ändern: „Viele Hamburger könnten mehr Geld für Lebensmittel ausgeben. Es wird aber überwiegend zu den billigsten Marken gegriffen. Da ist ein Umdenken erforderlich.“

Silke Lucas sagt dazu, dass eine Flurbereinigung und eine neue Bodenordnung denkbar, aber im Einzelnen schwierig durchführbar  seien. Alles werde sozusagen täglich neu verhandelt, aber es müssten viele nachbarschaftliche und einzelne Belange berücksichtigt werden. Die Betriebe dürften nicht wie in Holland wachsen. Das führe zu einer kompletten Landschaftszerstörung. Ausgleichsflächen im Naturschutz würden den Landwirten bezahlt. Sie halte zum Beispiel Fahrradverkehr auf markierten Wegen (Tomatenweg, Milchweg etc.) für förderungswürdig.

Claus Bengtsson findet, dass man bereits auf dem richtigen Weg sei. Nach seiner Meinung findet bereits seit zwei Jahren ein gutes Marketing statt. Blumen seien als Kulturgut saisonal und zu bestimmten Anlässen immer noch zeitgemäßer als unökologisches übermäßiges Heizen von riesigen Gewächshäusern. Drei Mio Töpfe würden bereits mit Markierungen wie „Vierländer Frische“ oder „Ich bin von hier“ verkauft. Wenn man diese Markierungen nicht findet solle man im Handel nach regionaler Ware fragen. Die Hälfte des Sortiments stamme aus dem Import, die andere Hälfte aus der Region, also Vier- und Marschlande und Schleswig-Holstein. Er sagt: “Ich sehe sehr wohl eine Zukunft. Es gibt genügend Nachfolger und gute Chancen, denn Garten hat einen hohen Stellenwert. 8 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland für Pflanzen ausgegeben und örtlich sind wir durch kurze Handelswege stark.“

Georg Eggers hat viele Ideen: Erlebnishöfe, Jugendhöfe, Wanderzentren, und vor allem das Marketing, ökologische Tierhaltung und eben solcher Pflanzenbau müssen noch viel mehr werden, aber: „Die Städter müssen uns auch entgegen kommen.Wir können nicht jedem nachlaufen“, ist seine Meinung dazu.

Torkild Hinrichsen möchte das Bewusstsein von Städtern für die Landwirtschaft und Natur gefördert und entwickelt wissen. Schulgärten seien da ein geeignetes Mittel. „Die Kinder können Tulpen nicht von Gänseblümchen unterscheiden“, sagt er. Außerdem wirbt er für das gute Miteinander von Vierländer Landwirten und neu Hinzugezogenen. Da gäbe es viele Missverständnisse wegen denen gegen einander prozessiert wird.

Das war ein spannender und interessanter Abend für alle. Meine persönliche Meinung dazu: Umdenken der Verbraucher wäre schön, aber dazu müssen sie auch gebracht werden. Städtern einen Bezug zum Ländlichen, den Pflanzen und den Quellen ihrer Ernährung zu vermitteln sollte ein großes Anliegen der Politik sein. Auf der anderen Seite der Stadt habe ich vor einigen Jahren im einzigen Hamburgischen Museumsdorf in Volksdorf ein Projekt mit diversen Materialien dazu entwickelt und in die Museumspädagogik eingebunden. Es heißt „Menschen brauchen Landwirtschaft“. Das klingt profan, ist aber heutzutage leider nötig wenn man jungen Müttern am Ackerrand zuhört, die fragen:“ Wusstest du, dass Kartoffeln in der Erde wachsen?“ Zwischen tausend und zweitausend Schulkinder werden jedes Jahr nach diesen Materialien im Museumsdorf unterrichtet und nehmen ihr Wissen mit in die Familien. Diese Maßnahme wurde von ELER und LEADER gefördert.

Karina Beuck, Mai 2017

 

Am 13. Mai waren wir dann in den Vierlanden unterwegs: Sag mir, wo die Blumen sind – on the road. Ein Besuch bei Andreas Kröger, Gartenbau Kröger. Torkild Hinrichsen führte uns durch das Rieck Haus und die von ihm betreute Ausstellung „Holunder: Kulturgeschichte, Botanik, Nutzung“. Das Freilichtmuseum gehört zur Bergedorfer Museumslandschaft. Nach dem Mittagessen ging es weiter zum Hitscherberger Hof. Mathias Peters produziert hier neben Gemüse für Hamburger Wochenmärkte, und der Haltung einer Mutterkuhherde, Maiglöcken für die Fête du Muguet: typische Vierländer Blumen für den französischen Markt (nachzulesen in der Zeitschrift Gardens Illustrated, No. 242, 2016) . Ein kurzer Abstechen auf den Vierländer Rosenhof und weiter zum Hof Eggers. Auf dem Ackerland des Biohofes stellte uns Thomas Sannmann, Demeter Gärtnerei Sannmann, die Biogärten vor. DIY Gemüseanbau mit fachkundiger Unterstützung für Großstädter. Zum Abschluss Kaffee und Kuchen im Hofcafé.

Fotos unter Reisen: „Sag mir, wo die Blumen sind – Tagesausflug in die Vierlande

 

www.kroeger-gartenbau.de

www.bergedorfer-museumslandschaft.de

http://hitscherberger-hof.de

www.vierlaender-rosenhof.de

www.sannmanns-biogaerten.de

www.hof-eggers.de

 

Literatur:

Torkild Hinrichsen, „Holunder: Kulturgeschichte, Botanik, Bastelanleitungen und Rezepte.“

Mit einem Märchen von Hans Christian Andersen. Husum 2015

Gerhard Kaufmann und Torkild Hinrichsen, „Das Freilichtmuseum Rieck-Haus in den Vierlanden bei Hamburg.“ Mit Beiträgen von Günther Grundmann und Paul Gädtgens. Hrsg. vom Altonaer Museum in Hamburg – Norddeutsches Landesmuseum. Husum 2000.

„Das Maiglöckchen: Vom Wundermittel zum Mauerblümchen.“ Hrsg. von Torkild Hinrichsen. Mit Beiträgen von Stephan Kaiser, Ulrike Mayer-Küster und Carsten Schirarend. Husum 2006

Torkild Hinrichsen, „Rhabarber, Rhabarber - Kulturgeschichte, Botanik, Anbau und Nutzung.“ Husum 2003.