Die Reise zu den Schneeglöckchen
Das Schneeglöckchen-Fest auf Gut Busted, beliebter und über Ostwestfalen hinaus bekannter Treffpunkt für Gartenliebhaber und Naturfreunde, war Initialzündung und zugleich gelungener Abschluss für die inspirierende Gartenreise im März. Auf dem Weg dorthin lagen verheißungsvolle Paradiese, die jede Besuchsminute wert waren.
Kaum in Bonn angekommen, ging es zum Arboretum Park Härle in Bonn-Oberkassel, einem Landschaftspark am Fuße des Siebengebirges. Michael Dreisvogt, Technischer Leiter, hieß unsere Reisegruppe willkommen und nahm uns mit auf eine spannende Reise durch seine Geschichte und außergewöhnlichen Gehölze. 1921 erwarb der Jurist Dr. Carl Härle den 7 ha großen Park von Franz Carl Rennen, der bereits 1870 begonnen hatte, ihn aufzubauen. Aus den Anfangszeiten konnte unsere Gruppe noch altehrwürdige Zedern (Cedrus libani und Cedrus atlantica), einen Mammutbaum und eine Weihrauchzeder bewundern. 1950 übernahmen die beiden Töchter Maria und Regina Härle das Anwesen. Die beiden entwickelten das Arboretum mit viel Leidenschaft weiter und erwiesen sich als frühe Umweltschützerinnen, vor allem, wenn es um das Wohl ihrer Bäume und Gartenanlage ging. Es erwartete uns ein Zusammentreffen des Who is Who aus dem Baumreich. Es reichte von der Chinesischen Schweifähre, der zart blühenden Japanischen Maienkirsche über den Seidigen Fenchelholzbaum bis zur als ausgestorben geglaubten und 1994 in Australien wieder entdeckten Wollemie. Das Faible der Schwestern für außergewöhnliche Koniferen, wie die elegante Scheinzypresse Chamaecyparis lawsoniana ‚Imbricata Pendula‘, war spür- und sichtbar. Es fiel schwer, Michael Dreisvolgt und diesem Baumrefugium Adieu zu sagen.
Das nächste Ziel in Hilden war die Gartenanlage „Hortus“ des bekannten Gartendesigners Peter Jahnke. Ein Garten, der trotz seiner Vielschichtigkeit und Größe von 1,4 ha ein großes Ganzes bildet.

Magnolien-Border im Hortus
Mit über 4000 Gewächsen schuf er einen Silbergarten, Waldgarten, Feuchtgarten, Bronzegarten, Heide-Garrigue-Garten und einen Kiesgarten. Letzterer erinnert an die englische Gartenlegende Beth Chatto. Sein Credo, das er uns auf seiner Führung durch den Hortus mit auf den Weg gab: right plant right place und die Kunst des Pflanzenlayerings, mit der Gärten dem Auge durchs ganze Jahr Abwechslung bieten. Im Kiesgarten, der auf einem sandig-trockenem Feld entstand, tummeln sich trockenheitsverträgliche Gewächse. Im sumpfigen Bereich prägen natürliche Teiche das Bild.

Heide-Garrigue-Garten im Hortus | Wiesenkreis im Hortus
Im Wiesenkreis legen Cornus mit gelber und roter Rindenfarbe Farbakzente ins halbrunde, grüne Spiel der Gartenseggen. Peter Jahnkes Begeisterung war so ansteckend, dass die anschließende Einkaufstour in seiner Staudengärtnerei fast schon ein inneres Bedürfnis war.
Obwohl der Blick gen Himmel auf der Fahrt nach Mülheim nur eines verhieß – nämlich Nässe - fieberten wir Linda Zimmermann und ihrem Fuchsgrube Garten entgegen. Sie ist bekannt aus renommierten Fachzeitschriften und den Medien. Die Malerin, Kunstpädagogin und Gartengestalterin begrüßte uns bei strömendem Regen mit Regenmantel und unerschütterlicher Herzlichkeit. Sie hatte ein leckeres Büffet vorbereitet, serviert im „trockenen“ Gartenhaus und gespickt mit vielen Informationen zur Geschichte ihres Refugiums, das ihr Mann 2003 erworben hatte: eine ehemalige, 40.000 Quadratmeter große, mit Rhododendron bewachsene Ausgleichsfläche für die Schwerindustrie. Linda Zimmermanns Begeisterung hielt sich scheinbar in Grenzen, denn sie wollte – so ihr Kommentar – auf keinem „Friedhof“ leben. Der Sturm Kyrill kam ihr zu Hilfe und fällte 250 Bäume. Der Weg respektive das Gelände war frei für Neues.

Magnolie kombiniert mit Eiben-Formgehölzen
Mit viel gestalterischem Gespür hat sie die große Fläche mit wunderschönen, außergewöhnlichen Gehölzen bepflanzt und wahre Landschaftsbilder geschaffen. Ihre Kriterien: Abwechslung schaffen durchs ganze Jahr mit unterschiedlichen Blattstrukturen, Rindenfarben, Blüten und Zierfrüchten. Für kleinteilige Staudenbeete, war die Fläche zu weitläufig. Fernwirkung war die Devise. Beim Gang durch ihren Park stellte sie uns verschiedene Sorten von Japanischem Ahorn, Magnolien, Zelkove, Japanische Maienkirschen, Judasbaum und andere Gehölze vor.

Japanische Maienkirsche | Japanische Maienkirsche mit Scheinhasel
Beeindruckend auch der Teich mit der Narzissenwiese, das Birkenwäldchen mit seinen Moospolstern und den sich darin tummelnden Fliegenpilzen. Sie werden wohl gemeinsam mit der Schachbrettblumen-Wiese spätere Besucher begeistern.

Narzissenwiese am Birkenhain Linda Zimmermann | Zelkove vor Gartenhaus Linda Zimmermann
Trotz Regen ein mehr als inspirierender Tag. Vor allem voll der Bewunderung für Linda Zimmermann, die sich über die Gestaltung ihres Refugiums hinaus auch für die Initiative „Exzellenz-Stipendium für Gartenkultur“ engagiert. Ein Programm des Bundeslandes NRW, das sich um die Weiterentwicklung der Gartenkultur bemüht, indem es die Qualifizierung von Junggärtnerinnen und Junggärtnern mit Stipendien fördert. Nimmt es Wunder, dass Linda Zimmermann, auch noch im Stiftungsrat des Arboretum Park Härle mitwirkt.

Hotel Fürstenhof
Voll der Eindrücke landeten wir in Herford. Der Fürstenhof – ein historisches Fachwerkgebäude - erwartete unsere müden Häupter. Herford entpuppte sich als hübscher, historischer Ort mit vielen denkmalgeschützten Gebäuden und einer von starken Frauen geprägten Geschichte. Am nächsten Tag erwartete uns das bestens besuchte Schneeglöckchenfest auf Gut Bustedt. Inspiriert von der englischen und niederländischen Begeisterung für die kleinen weiß berockten Hoffnungsträgerinnen, organisiert der Freundeskreis Schneeglöckchen dieses Fest seit 2016 ehrenamtlich.
Viele Aussteller, Gartenliebhaber und Pflanzensammler trafen dort aufeinander, um ihrer Leidenschaft für Raritäten aus dem Reich der Frühlingsblüher zu frönen. Die Jagd nach Pflanzenschätzen war offenbar erfolgreich. Denn viele Körbe, Taschen und Rucksäcke waren prall gefüllt.
Doch bevor wir uns am Sonntag nach dieser wunderbaren Reise in alle Winde zerstreuten, stand der gemeinsame Besuch des berühmten Museums Marta und der Ausstellung „Kartographien des Wachstums“ auf dem Programm.

Eingang Museum Marta in Herford
In der einzigartigen Architektur von Frank Gehry traten Werke des visionären Pioniers Lois Weinberger und der zeitgenössischen Bildhauerin Katinka Bock in einen künstlerischen Dialog. Während sich Weinberger in seinem Werk „Ruderalpflanzen“, vermeintlichen Unkräutern, sowie Kartographien und archäologischen Spuren verschrieb, fokussierte Katinka Bock mit ihren Arbeiten physikalische Veränderungen von Materialien, die sie in poetische Installationen überführte.

Kunstwerk von Katinka Bock | Kunstwerk von Lois Weinberger | Kunstwerk von Katinka Bock
Die für die Ausstellung gewählten und zum Teil neu entstandenen Werke wuchsen buchstäblich über diese hinaus in den Außenraum rund um das Marta. So der „mobile Garten“ entlang der Fassade:

Fassade Marta mit „portable garden“ von Lois Weinberger
In karierten Plastiksäcken befindet sich gewöhnliche Ackererde, die bereits diverse Samen enthält. Durch die Platzierung entlang des Baukörpers werden über die Luft, Wind und Wetter weitere Samen ausgesät, die im Verlauf der Ausstellung als sogenannte Spontan-Vegetation wachsen. Die Taschen stellen die einfache Version von Koffern darf, die Menschen nutzen, wenn sie etwas transportieren, auf Reisen gehen oder auf der Flucht sind. Die Behältnisse, die Erde, wie auch die Pflanzen, stehen für Migrationsbewegungen von einem Gebiet in das andere.
Ganz herzlichen Dank dem Organisations-Team, das diese wunderbare Reise arrangiert und realisiert hat. Wir freuen uns schon auf neue Gartenufer!
Text & Fotos: Simone Angst-Muth, sam Gartenmarketing GmbH, Würzburg
www.sam-wuerzburg.de