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Foto: Inke Studt-Jürs

Die Gartenkunst ist tot, es lebe die Gartenkunst! - Die Gartenreform des frühen 20. Jahrhunderts im Hamburger Raum

Vortrag des Dipl. Ing. Dr. Joachim Schnitter zur Gartenkultur in der Reformzeit um 1900.

Am Ende des 19. Jh. herrschte immer noch der landschaftliche Stil, schon durchsetzt mit floralen Elementen und immer ornamentaler, immer üppiger werdend. Zeitgleich machte die wachsende Arbeiterschaft in den Städten öffentliche Erholungsorte notwendig. Schrebergärten entstanden, und der Stadtparkgedanke kam auf. Öffentliche Grünanlagen wurden geplant und geschaffen, die frei zugänglich waren, Spaziergänge, Spiel und Sport ermöglichten. In privaten Gärten gaben die Planer die "Schlängelwege" zu Gunsten funktionsorientierter Gartenräume auf. Ein neuer Geist bestimmte die Jahrtausendwende. Die Lebensreformbewegung verlangte naturgemäße Ernährung, am besten selbst gezogen, schlichte, funktionsgerechte Kleidung, Licht und Luft für den Körper. Kunst und Kunsthandwerk, und auch die Gartenanlagen wurden von dieser frischen Luft erfasst. Die Reformbewegung bewirkte eine revolutionäre Veränderung, die allerdings auf geschichtliche Formen zurückgriff und zu Geometrie und architektonischer Elementen zurückfand.

"Heimatschutzstil" nannte man den neuen Stil in der Architektur, der hinsichtlich Gestaltung und Material ein wiederbelebter traditioneller Stil war. Mit solcher Anknüpfung gelang es Jahrzehnte später den nationalsozialistischen Ideologen, diese Gedankenwelt in "Blut und Boden " zu pervertieren und die geometrischen Freiflächen und Rasenflächen der Stadtparks für ihre Aufmärsche zu nutzen. Diese Übernahme ist vermutlich der Grund, warum die Stilistik der Reformgärten nach dem Zweiten Weltkrieg verpönt war und man auch in kleinen privaten Gärten wieder auf eine unregelmäßiger "landschaftliche" Gestaltung zurückgriff.

Doch zurück zur Reformzeit. Das Revolutionäre der neuen Gartenkunst um 1900 war die Rückkehr zum architektonischen Garten der Jahre vor der landschaftlichen Phase, sowohl in der Gestaltung der jetzt entstehenden Parks als auch in den privaten Gärten. Im Zentrum der Reformbewegungen standen die in Hamburg wirkenden Hermann Muthesius ("Das englische Haus"), Fritz Schumacher und Alfred Lichtwark als Vordenker der Bewegung. Lichtwark stellte in seiner maßgebenden Schrift das schwülstig üppige Marquart Bouquet in der Hamburger Kunsthalle dem einfachen Blumenstrauß gegenüber, um den Gegensatz von Natur und Künstlichkeit zu verdeutlichen.

Die Struktur wurde wieder geometrisch und die Gartenanlage auf ein Gebäude bezogen, wie es sich  im Hamburger Stadtpark im Großen oder in den privaten Entwürfen von Harry Maasz oder Leberecht Migge im Privaten zeigt. Die Benutzbarkeit des Gartens war vorrangig gegenüber bloßer Dekoration und Präsentation. Der Garten wurde in Räume für besondere Zwecke gegliedert. Vom Gebäude verlief typischerweise ein fließender Übergang mit Wintergarten, überdachter Terrasse, Stellagen für Rankgewächse hin zum Nutzgarten und im besten Fall hin zur Landschaft. Bänke vervollständigten den Aspekt der Nutzbarkeit. Ein heute wieder zu besuchendes Beispiel ist der restaurierte Pinneberger Rosengarten, dessen Gliederung sich im kleineren Format auch bei vielen Entwürfen privater Gärten zeigt.

rosengarten pinneberg schwarz-weiße Palnzeichnung, historisch